Anatomie der Röhrenamps I: Bedeutung der Phasenumkehrstufe

Gegentaktverstärker benötigen immer eine Phasenumkehrstufe. Diese macht aus dem Eingangssignal zwei Ausgangssignale zur Ansteuerung der Endröhren: Einmal in Phase und einmal um 180° verschoben zum Eingangssignal. Soweit die Theorie. Doch auch dieser Schaltungsteil hat deutliche Auswirkungen auf den Klang – besonders bei Gitarrenamps!

Phasenumkehrstufen können, neben der Hauptaufgabe der Phasenumkehr – je nach Funktionsprinzip – auch das Signal verstärken. Nicht verstärkt wird das Signal z.B. durch die genial einfache Kathodyn-Phasenumkehrstufe, die in vielen Gitarrenamps eingesetzt wird. Ein Beispiel fĂĽr einen verstärkenden Phase-Splitter ist z.B. das „Long-Tailed-Pair“, das ebenfalls häufig in Gitarrenamps zu finden ist. Es existiert eine Vielzahl weiterer Schaltungstopologien, auch Ăśbertrager-basierte Schaltungen sind bekannt, die jedoch hauptsächlich im HiFi-Bereich anzufinden sind.

Die Bedeutung der Phasenumkehrstufe wird meist unterschätzt. Die unter Gitarristen beliebte Endstufenzerrung entsteht nicht alleine an den Endröhren, sondern in erster Linie durch das Zusammenspiel von Phasenumkehrstufe und Steuergitter der Endröhre. Signalspitzen werden ab einem gewissen Wert sanft begrenzt, wie es in obigem Bild dargestellt ist. Die Phasenumkehrstufe ist also eine schaltungstechnische Notwendigkeit, die eine erhebliche klangformende Wirkung hat.

Außerdem ist die Phasenumkehrstufe häufig der Schaltungsteil, an dem die Gegenkopplung realisiert wird. D.h. an dieser Stelle wird das Ausgangssignal der Schaltung zurückgeführt und somit z.B. das klassische Endstufen-Presence umgesetzt.

Übrigens: In Transistorverstärkern sucht man eine Phasenumkehrstufe vergebens, da diese durch die Verfügbarkeit von komplementären Transistoren (NPN – PNP bzw. NMOS – PMOS) obsolet ist.

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